HFW 1.05 · BAND 1 · UNTERNEHMENSFÜHRUNG
Unternehmensübernahme
Wachstum oder Selbstständigkeit müssen nicht immer mit einer Neugründung beginnen. Bei einer Unternehmensübernahme werden bestehende Strukturen, Kunden, Mitarbeiter und Vermögenswerte übernommen – gemeinsam mit ihren Chancen und Risiken.
Auf einen Blick
Das lernst Du in dieser Lektion
Du lernst, wodurch sich eine Unternehmensübernahme von einer Neugründung unterscheidet, welche Vorteile bestehende Strukturen bieten und welche wirtschaftlichen Risiken vor einem Kauf sorgfältig geprüft werden müssen.
Übernahme verstehen
Du kannst erklären, was unter einer Unternehmensübernahme verstanden wird.
Vorteile erkennen
Du kennst die wichtigsten Vorteile eines bereits bestehenden Unternehmens.
Risiken prüfen
Du kannst typische wirtschaftliche und organisatorische Übernahmerisiken einordnen.
Übernahme beurteilen
Du kannst wichtige Prüffelder für eine Kaufentscheidung systematisch anwenden.
Definition
Was ist eine Unternehmensübernahme?
Statt ein Unternehmen vollständig neu aufzubauen, wird eine bereits bestehende wirtschaftliche Einheit übernommen.
Bei einer Unternehmensübernahme erwirbt ein Käufer ein bestehendes Unternehmen, Unternehmensanteile oder wesentliche Unternehmensbestandteile und führt die wirtschaftliche Tätigkeit anschließend fort beziehungsweise integriert sie in sein eigenes Unternehmen.
Typische Übernahmebestandteile
Bestehende Substanz
Der Käufer startet nicht bei null
Der zentrale Unterschied zur Neugründung besteht darin, dass bereits wirtschaftliche Strukturen vorhanden sind. Genau diese können einen erheblichen Wert darstellen.
Kundenstamm
Bestehende Kundenbeziehungen können bereits unmittelbar nach der Übernahme Umsätze ermöglichen.
MarktMitarbeiter
Eingearbeitete Mitarbeiter bringen Fachwissen, Erfahrung und Kenntnisse bestehender Abläufe mit.
PersonalStandort
Ein eingeführter Standort kann bereits bekannt, erreichbar und am Markt etabliert sein.
StandortLieferanten
Bestehende Lieferantenbeziehungen und Konditionen können die Fortführung erleichtern.
BeschaffungBetriebsvermögen
Einrichtung, Waren, Fahrzeuge, Technik oder andere Vermögenswerte können bereits vorhanden sein.
SubstanzMarktstellung
Name, Bekanntheit, Reputation und bestehende Marktanteile können wirtschaftlichen Wert besitzen.
GoodwillVergleich
Neugründung oder Übernahme?
Beide Wege können zur Selbstständigkeit beziehungsweise zum Unternehmenswachstum führen. Die Ausgangssituation unterscheidet sich jedoch erheblich.
Neugründung
- Unternehmen wird neu aufgebaut
- große Gestaltungsfreiheit
- eigene Prozesse können entwickelt werden
- Kundenstamm muss aufgebaut werden
- Marktposition entsteht erst
- Anlaufphase häufig besonders kritisch
Unternehmensübernahme
- bestehende Strukturen vorhanden
- Kunden und Umsätze können bereits bestehen
- Mitarbeiter und Know-how vorhanden
- Vergangenheit kann analysiert werden
- Altlasten können übernommen werden
- Kaufpreis muss finanziert werden
Chancen
Warum ein bestehendes Unternehmen attraktiv sein kann
Schneller Markteintritt
Geschäftsbetrieb, Standort und Kundenbeziehungen bestehen bereits.
Vorhandene Umsätze
Anders als bei einer Neugründung können bereits laufende Einnahmen vorhanden sein.
Eingespielte Abläufe
Einkauf, Verkauf, Lager, Personal und Verwaltung müssen nicht vollständig neu organisiert werden.
Erfahrene Mitarbeiter
Fachwissen und betriebliche Erfahrung können unmittelbar weiter genutzt werden.
Bekannter Name
Marke, Reputation und Kundenvertrauen können bereits aufgebaut sein.
Planungsgrundlage
Vergangene Umsätze, Kosten und Ergebnisse liefern zusätzliche Informationen für die Kaufentscheidung.
Risiken
Mit dem Unternehmen können auch Probleme übernommen werden
Bestehende Strukturen sind nicht automatisch ein Vorteil. Sie können veraltet, unwirtschaftlich oder mit zusätzlichen Verpflichtungen verbunden sein.
Überhöhter Kaufpreis
Der geforderte Preis kann über dem wirtschaftlich vertretbaren Unternehmenswert liegen.
KaufpreisVersteckte Verpflichtungen
Schulden, Vertragsrisiken oder andere Belastungen können erst bei genauer Prüfung sichtbar werden.
VerbindlichkeitenInvestitionsstau
Technik, Einrichtung oder Immobilien können veraltet sein und zusätzliche Investitionen erfordern.
InvestitionKundenverlust
Kunden können nach einem Eigentümerwechsel ihre Bindung zum Unternehmen verlieren.
KundenMitarbeiterverlust
Schlüsselpersonen und wichtiges Know-how können nach der Übernahme verloren gehen.
PersonalIntegrationsprobleme
Prozesse, IT, Sortiment, Unternehmenskultur und Organisation müssen möglicherweise neu abgestimmt werden.
IntegrationSchlüsselbegriff
Due Diligence – prüfen, bevor gekauft wird
Eine Unternehmensübernahme sollte nicht allein auf Angaben des Verkäufers oder auf einem guten ersten Eindruck beruhen. Das Zielunternehmen muss systematisch geprüft werden.
Finanzen
Umsätze, Gewinne, Kosten, Schulden, Liquidität und Finanzierung prüfen.
Verträge
Miet-, Lieferanten-, Kunden- und weitere wesentliche Verträge untersuchen.
Vermögen
Warenbestände, Anlagen, Einrichtung und andere Vermögenswerte bewerten.
Zukunft
Marktstellung, Wettbewerb, Investitionsbedarf und zukünftige Ertragskraft beurteilen.
Due Diligence bedeutet vereinfacht: Das Zielunternehmen wird vor dem Kauf sorgfältig geprüft, damit wirtschaftliche, rechtliche und organisatorische Risiken möglichst früh erkannt werden.
Der Übernahmeprozess
Vom Übernahmekandidaten zur Integration
Eine Übernahme endet nicht mit der Unterschrift unter dem Kaufvertrag. Erst die erfolgreiche Integration macht aus dem Kauf eine wirtschaftlich erfolgreiche Transaktion.
01
ZIEL
Unternehmen auswählen
02
PRÜFUNG
Due Diligence durchführen
03
WERT
Unternehmen bewerten
04
FINANZIERUNG
Kaufpreis finanzieren
05
KAUF
Übernahme vereinbaren
06
INTEGRATION
Unternehmen weiterentwickeln
Wichtig unterscheiden
Unternehmenswert ist nicht automatisch Kaufpreis
Unternehmenswert
Ergebnis einer wirtschaftlichen Bewertung des Unternehmens beziehungsweise seiner zukünftigen Ertragsmöglichkeiten und vorhandenen Substanz.
- Vermögenswerte
- Schulden
- Ertragskraft
- Marktstellung
- Zukunftsaussichten
Kaufpreis
Betrag, auf den sich Käufer und Verkäufer im Rahmen der Verhandlung tatsächlich einigen.
- Verhandlungsmacht
- strategisches Interesse
- Zeitdruck
- Finanzierungsmöglichkeiten
- erwartete Synergien
Praxis-Check
Unser Möbelhaus übernimmt einen Wettbewerber
Unser Möbelhaus möchte in eine neue Region expandieren. Statt dort einen neuen Standort aufzubauen, könnte es ein bereits bestehendes Einrichtungshaus übernehmen.
Bestehender Kundenstamm
Das Einrichtungshaus ist regional bekannt und verfügt bereits über Stammkunden.
Erfahrene Mitarbeiter
Verkauf, Lager und Verwaltung verfügen über eingespielte Teams und Marktkenntnisse.
Veraltete Ladeneinrichtung
Nach der Übernahme könnten erhebliche Modernisierungsinvestitionen erforderlich sein.
Warenbestände prüfen
Nicht jeder vorhandene Warenbestand besitzt automatisch den bilanziell angesetzten wirtschaftlichen Wert.
Entscheidend ist deshalb nicht die Frage „Gefällt uns das Unternehmen?“, sondern: „Welchen wirtschaftlichen Wert besitzt es – und welche Verpflichtungen übernehmen wir mit?“
Nach dem Kauf
Die Übernahme ist erst der Anfang
Ein wirtschaftlich sinnvoller Unternehmenskauf kann trotzdem scheitern, wenn das übernommene Unternehmen anschließend schlecht integriert wird.
Personal
Mitarbeiter informieren, einbinden und Schlüsselpersonen möglichst halten.
Prozesse
Einkauf, Verkauf, Verwaltung und operative Abläufe aufeinander abstimmen.
Systeme
Warenwirtschaft, IT und andere technische Systeme integrieren.
Marktauftritt
Marke, Sortiment, Marketing und Kundenkommunikation strategisch gestalten.
Prüfungsfalle
Bestehendes Unternehmen ≠ geringes Risiko
Der scheinbare Vorteil
Kunden, Mitarbeiter, Umsätze, Warenbestände und Prozesse sind bereits vorhanden.
Das tatsächliche Risiko
Mit bestehenden Strukturen können auch Schulden, schlechte Verträge, Investitionsstau und organisatorische Probleme übernommen werden.
Merke: Eine Übernahme kann das Anlaufrisiko reduzieren, beseitigt unternehmerisches Risiko aber nicht.
IHK-Denken
So beurteilst Du eine Unternehmensübernahme
Bei einer Situationsaufgabe solltest Du nicht nur Vorteile und Nachteile nennen. Entscheidend ist, die wirtschaftliche Qualität des Zielunternehmens strukturiert zu prüfen.
Warum soll gerade dieses Unternehmen übernommen werden?
Wie attraktiv sind Standort, Kundenstamm, Wettbewerbssituation und Marktstellung?
Welche Vermögenswerte, Schulden, Erträge und finanziellen Verpflichtungen bestehen?
Gibt es Investitionsstau, Vertragsrisiken, Personalabhängigkeiten oder andere Altlasten?
Steht der geforderte Kaufpreis in einem wirtschaftlich vertretbaren Verhältnis zum Wert?
Kann das Unternehmen nach dem Kauf erfolgreich fortgeführt beziehungsweise integriert werden?
Merke
Bei einer Unternehmensübernahme wird nicht nur ein bestehender Betrieb gekauft – übernommen werden gleichzeitig Werte, Chancen, Verpflichtungen und Risiken.
Schnellwiederholung
HFW 1.05 in 20 Sekunden
Unternehmensübernahme
bedeutet, ein bestehendes Unternehmen, Unternehmensanteile oder wesentliche Unternehmensbestandteile zu erwerben.
Vorteile
Kunden, Mitarbeiter, Standort, Prozesse, Lieferantenbeziehungen und Umsätze können bereits vorhanden sein.
Risiken
Möglich sind unter anderem ein zu hoher Kaufpreis, versteckte Verpflichtungen, Investitionsstau, Kundenverlust und Integrationsprobleme.
Due Diligence
bezeichnet die sorgfältige Prüfung des Zielunternehmens vor dem Kauf.
Grundprozess
Zielunternehmen → Prüfung → Bewertung → Finanzierung → Kauf → Integration.
Selbsttest
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1. Was versteht man unter einer Unternehmensübernahme?
Bei einer Unternehmensübernahme erwirbt ein Käufer ein bestehendes Unternehmen, Unternehmensanteile oder wesentliche Unternehmensbestandteile und führt beziehungsweise integriert die wirtschaftliche Tätigkeit anschließend weiter.
2. Nenne vier mögliche Vorteile einer Unternehmensübernahme gegenüber einer Neugründung.
Beispiele sind ein vorhandener Kundenstamm, bestehende Umsätze, erfahrene Mitarbeiter, eingespielte Prozesse, vorhandene Lieferantenbeziehungen, ein eingeführter Standort oder eine bekannte Marke.
3. Was versteht man unter Due Diligence?
Due Diligence bezeichnet die sorgfältige und systematische Prüfung eines Zielunternehmens vor der Übernahme, um wirtschaftliche, rechtliche und weitere Risiken zu erkennen.
4. Warum ist der Unternehmenswert nicht automatisch mit dem Kaufpreis identisch?
Der Unternehmenswert ergibt sich aus einer wirtschaftlichen Bewertung. Der Kaufpreis ist dagegen das Ergebnis der Verhandlung zwischen Käufer und Verkäufer und kann zusätzlich durch Faktoren wie Verhandlungsmacht, strategisches Interesse oder erwartete Synergien beeinflusst werden.
5. Nenne vier typische Risiken einer Unternehmensübernahme.
Beispiele sind ein überhöhter Kaufpreis, versteckte Schulden oder Verpflichtungen, überbewertete Vermögenswerte, Investitionsstau, Verlust wichtiger Mitarbeiter oder Kunden sowie Integrationsprobleme.
6. Warum endet eine erfolgreiche Übernahme nicht mit dem Kaufvertrag?
Nach dem Kauf müssen unter anderem Mitarbeiter, Prozesse, IT-Systeme, Sortimente, Organisation und gegebenenfalls Unternehmenskulturen erfolgreich miteinander abgestimmt werden. Eine schlechte Integration kann den wirtschaftlichen Erfolg der Übernahme gefährden.
